Reise, Reise…
Sven | 2. Oktober 2009Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Bei längeren Reisen werden die Erzählungen zumeist auch länger und unter Umständen ermüdend. Kürzere Reisen gelten gegebenenfalls gar nicht als Reisen, weil sie täglich stattfinden und dann Arbeitsweg oder Schulweg genannt werden. Insbesondere wenn die Reise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln des örtlichen Nahverkehrsverbundes stattfindet, kann man sie kaum noch als Reise bezeichnen. Eine Reise soll ja auch Spaß machen! Die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln der VVS im Raum Stuttgart dagegen ist kein Spaß! Das ist bitterer Ernst! Und es gibt immer was zu erzählen. Besonders für einen neuen Fünftklässer, der das erste Mal in seinem Leben täglich mit dem Bus in die Schule fahren muss. Eine kurze Bilanz nach drei Wochen täglicher Schikane und Erniedrigung.Am Anfang sind alle neuen Fünftklässer noch sehr euphorisch und motiviert. Sie sind nun in einer neuen Schule. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Ob auf Haupt-, Realschule oder Gymnasium, die Unterschiede in der fünften Klasse sind noch klein. Nicht alle wohnen direkt neben der Schule und müssen unter Umständen den Schulweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigen. Das ist cool! Alleine mit dem Bus fahren! Die Ernüchterung kommt gleich an einem der ersten Schultage! Der Bus ist zu klein für alle Schüler! Die Fünftklässler müssen sich hinten anstellen und dürfen nicht mehr einsteigen, weil kein Platz mehr ist!
Der harsche Hinweis des Fahrers auf “den nächsten” Bus, führt zu Irritationen unter den Schulneulingen. Schön, wenn dann sogleich ein neuer Bus mit gleicher Zielanzeige hinter dem bereits überfüllten Bus hält. Nur um sicher zu gehen, dass der Bus die 10jährigen auch wirklich bis nach Hause bringt, fragen sie noch einmal bei der Fahrerin nach.
Nun hat sich das Nahverkehrsunternehmen etwas ganz Besonderes für die Teilnehmer des Schülerbusverkehrs ausgedacht. Im Zielort “Althütte” gibt es mehrere Haltestellen! Alle in derselben Straße! Mit einer schönen Wendeschleife an der Endhaltestelle! Diese werden gewöhnlich hintereinander angefahren, wie das bei Bussen so üblich ist. Sollte man meinen! Weit gefehlt! Nicht jeder Bus fährt alle Haltstellen an. Schon gar nicht zur Mittagszeit, wenn die Kinder von der Schule kommend schnell nach Hause wollen. Da die Zielanzeige des Busses leider nur den Zielort anzeigt und die Zielhaltestelle verschweigt, kann es schon mal vorkommen, dass man die zweieinhalb Kilometer von der ersten zur letzten Haltestelle zu Fuß zurücklegen muss. Oder auf den nächsten Bus wartet. In Kenntnis dieser Besonderheit des örtlichen Nahverkehrs fragen die neuen Schüler die Busfahrerin, ob sie denn auch wirklich bis zur letzten Haltstelle fahre. Die nicht gerade als freundlich zu bezeichnende Antwort “Ich fahre nach Althütte!”, nehmen die Nahverkehrsneulinge als Bestätigung ihrer Vermutung und steigen beherzt ein, in der Erwartung jetzt schnell nach Hause zu kommen.
Besonders erfreut sind die Schüler natürlich darüber, jetzt einen Sitzplatz zu bekommen, denn der Bus ist nahezu leer. Dass der Bus bei seiner Fahrt zum Ziel an jeder Milchkanne und jedem Strohballen am Straßenrand anhält, nehmen die noch recht jungen Nahverkehrsteilnehmer zunächst gelassen hin. Denn immerhin geht es nach Hause, wenn der Weg auch mehr als doppelt so lange dauert. Überrascht sind unsere nun doch schon recht müden Kinder, als die Busfahrerin ihnen an der ersten der Haltstellen im Zielort “Althütte” erklärt “Aussteigen! Hier ist Schluss!”. Also schultern die Fünftklässler ihre übergewichtigen Schulranzen und nehmen den Fußmarsch über zweieinhalb Kilometer bis nach Hause in Angriff. Glücklich kommen sie dann nach einer Odysee die Ihnen ein Stunde ihres noch jungen Lebens geraubt hat zu Hause an, obwohl der Schulweg eigentlich nur zwanzig Minuten dauern sollte.
Recht unverständlich scheint mir, die Busse hin und wieder nur die erste von drei Haltestellen anfahren zu lassen. Aber das betreffende Busunternehmen wird dafür seine Gründe haben. Die Unfreundlichkeit der Fahrer ist leider kein Einzelfall. Jeden Tag höre ich, dass die Fahrerin oder der Fahrer wieder gemeckert hätte! Das muss nicht sein! Insbesondere die Fünftklässler haben in den ersten Wochen des neuen Schuljahres genug um die Ohren und im Kopf zu behalten, um sich an den neuen Tagesablauf gewöhnen zu können. Die Fahrerinnen und Fahrer der Busunternehmen sollten sich hier mal überlegen, ob ihnen eine andere Tätigkeit nicht besser täte. Ich kann mich beispielsweise an Fahrer der Linie 100 in Berlin erinnern, die mit ihren Fahrgästen beinahe schon innovativ freundlich umgehen. Der öffentliche Nahverkehr ist eine Dienstleistung! Wer eine Dienstleitung nicht mit dem nötigen Respekt und Freundlichkeit seinen Kunden gegenüber erbringen mag, ist fehl am Platz!
Heute, am 2.Oktober schlägt der öffentliche Nahverkehr dem Fass allerdings den Boden aus! Wohlwissend, dass der ein oder andere Schüler am zweiten Tag des Monats sicherlich noch nicht die bezahlte Monatsmarke, die im Aboverfahren abgebucht wird, in der Tasche hat, wird an der Haltestelle des Schulzentrums der Fahrausweis kontrolliert! Insbesondere die Fünftklässler, die mit der ganzen Situation ohnehin überfordert sind, schätzen sich schon glücklich, wenn sie nicht vom Lehrer zusammengefaltet werden, weil sie das grüne Heft eingepackt haben, obwohl heute das blaue dran gewesen wäre. Dann auch noch an die Monatsmarke zu denken, ist nahezu unmöglich!
An der Monatsmarke selbst ist zu erkennen, dass es sich um ein Schülerabo handelt! Prinzipiell ist es zwar möglich, eine einzelne Marke zurückzugeben, das ist allerdings am Anfang des Schuljahres wohl eher unwahrscheinlich. Die Kontrolleure könnten nun in gutem Gewissen, die Schüler darauf hinweisen, dass die Monatsmarke schon am ersten Tag des neuen Monats eingesteckt werden muss. Tun sie aber nicht! Stattdessen werden die Schüler mit einem “Strafzettel” wegen Schwarzfahrens konfrontiert und sollen 40 Euro nachzahlen! Das führt gerade bei den jüngsten zu einer zusätzlichen und unnötigen Unsicherheit, die die Aufmerksamkeit im Unterricht sicher nicht fördert!
Hier läuft ganz gewaltig etwas falsch! Das verantwortliche Nahverkehrsunternehmen lässt am zweiten Tag des Monats in der Erwartung, zahlreiche Schüler zu “erwischen” morgens auf dem Schulweg die Schüler kontrollieren. Das ist meiner Meinung nach Wegelagerei! Mir drängt sich hier der Eindruck auf, dass das betreffende Unternehmen auf diese Art Extraeinnahmen einkalkuliert, indem sie die Schüler schikaniert! Da die Monatswertmarke ja im Prinzip spätestens am Mittag des ersten Arbeitstages des neuen Monats benötigt wird, hätte der Busfahrer am 1.Oktober die Kinder darauf hinweisen können, dass ihre Wertmarke nicht aktuell ist. Jeder Busfahrer ist angehalten die Fahrausweise zu kontrollieren! Eine Erinnerung durch die Kontrolleure am 2.Oktober hätte auch genügt! Da dem Aboverfahren für die Schülerausweise ja sicherlich ein elektronisches Datenverarbeitungssystem zu Grunde liegt, darf wohl angenommen werden, dass die Kontrolleure und ihr Auftraggeber sehr wohl wissen, wer bezahlt hat und wer nicht!
Wenn ich bedenke, dass die Wertmarke für den September voll bezahlt werden musste, obwohl die Fünftklässler die Wertmarken erst am ersten Schultag, dem 15.September in der Schule erhalten haben, also eine Leistung bezahlt wurde, die vom Nahverkehrsunternehmen nicht erbracht wurde, stellt sich mir die Frage warum man den Busfahrer nicht erst beim Aussteigen bezahlen kann? Gesetzlich bin ich sonst durchaus berechtigt, die Bezahlung für eine nicht erbrachte Leistung zurückzufordern! Wenn die Wertmarke den Schülern am Anfang des Monats vorgelegen hätte sähe die Sache natürlich anders aus. Hat sie aber nicht!
Nicht genug, dass am 30.September für das Schulzentrum im Weissacher Tal eine Amoklaufwarnung bekannt wurde und die Schüler morgens von der Polizei vor der Schule begrüßt wurden, was viele Schüler nervlich extrem belastet hat. Der VVS setzt die Schüler nun noch ein weiteres Mal unter Druck, indem er am Monatsanfang die Fahrausweise kontrolliert. Ein wenig mehr Einfühlungsvermögen wäre hier wünschenswert! Aber für mich sieht es so aus, als sollten die Schüler hier gleich einmal das “richtige Leben” kennen lernen. Und das ist nun mal kein Ponyhof. Ich würde mir allerdings wünschen, dass wir Erwachsenen die Kinder wie Kinder behandeln. Wir waren alle mal Kind!
Dass die Busse meistens überfüllt sind, die Schüler nur stehend transportiert werden können und durch ihre Körpergröße keine Möglichkeit haben, sich festzuhalten, ist leider hinlänglich bekannt und selbst in einigen Fernsehsendungen schon thematisiert worden. Geändert hat sich nichts! Die Kinder werden hier mit dem Hinweis auf das fehlende Geld für den Einsatz von mehr Fahrzeugen gefährdet. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier ein Kind zu Schaden kommt, steigt mit jedem Tag, an dem glücklicherweise nichts passiert ist!
In diesem Sinne wünsche ich “Gute Reise!”




